Auf Steam sorgt ein neues Spiel für hitzige Diskussionen. Aber nicht wegen seiner Story oder Grafik, sondern nur wegen seiner Entstehung. „Codex Mortis“ ist angeblich das erste Videospiel, das vollständig von Künstlicher Intelligenz erschaffen wurde. Was aus technischer Sicht sehr wohl beeindruckt, stößt aber innerhalb der Community auf massive Ablehnung.
Ein Experiment mit Sprengkraft
Künstliche Intelligenz – die KI – ist in der Spielebranche schon längst kein Fremdwort mehr. Seit Jahren nutzen zahlreiche Entwicklerstudios KI-Tools für einzelne Arbeitsschritte. Etwa, wenn es um die Texterstellung geht, für Konzeptgrafiken oder auch für das Testen des Spiels. Auch abseits der klassischen Gaming-Branche ist die KI Thema: Im Bereich Glücksspiel kommt die KI in immer mehr Casinos ohne 5 Sekunden Regel zum Einsatz. Hier erstellt die KI dann individuelle Bonusangebote auf Basis des Spielverhaltens oder schlägt Alarm, falls der Spieler auffällig wird. Es sind also immer nur Teilbereiche, in denen die KI eingesetzt wird. Doch mit „Codex Mortis“ ist ein Entwickler deutlich weitergegangen. Unter dem Pseudonym „Grolaf“ hat er eine spielbare Demo auf Steam veröffentlicht und erklärt, dass jedes einzelne Element dieses Projekts von einer KI stammt. Das heißt, vom Quellcode über die Optik bis hin zur Musik wurde alles von der KI generiert.
Allein diese Nachricht hat gereicht, um eine hitzige Debatte auszulösen. Denn während die Automatisierung in Teilbereichen akzeptiert wird, stellt ein vollständig KI-generiertes Spiel aber für viele Spieler einen Tabubruch dar.
Entwicklung ohne klassische Game-Engine
Dabei ist nicht nur der hohe KI-Anteil ungewöhnlich, sondern auch die technische Basis des Spiels. Man hat etwa bewusst auf etablierte Game-Engines wie Unity, Unreal oder Godot verzichtet. „Codex Mortis“ basiert auf TypeScript, kombiniert mit Frameworks wie PIXI.js für die Darstellung und Electron für die Ausführung.
Der Clou der ganzen Sache: Laut dem Entwickler wurde kein einziger Programmteil selbst geschrieben. Die komplette Code-Struktur stammt von der KI „Claude Code“ in den Versionen Opus 4.1 und 4.5. Das heißt, der Mensch hatte nur die Rolle des Auftraggebers, der in natürlicher Sprache beschrieben hat, was das Spiel können soll.
Man spricht hier von „Vibe Coding“ bezeichnet. Dabei werden der KI keine technischen Details vorgegeben, sondern nur eine abstrakte Zielbeschreibung. Die konkrete Umsetzung übernimmt der Algorithmus.
Wenn der Mensch die Kontrolle abgibt
Genau hier liegt auch einer der größten Kritikpunkte. Wer nämlich den Code nicht selbst schreibt, der versteht ihn im Zweifel auch nicht. Ein Umstand, der vor allem dann problematisch wird, wenn das System erweitert werden soll oder ein Fehler auftritt. Tritt ein Bug auf, so kann der Entwickler tatsächlich nur die KI um Hilfe bitten.
Verliert etwa der KI-Agent den Überblick über das Gesamtprojekt, besteht die Gefahr, dass die Code-Struktur kollabiert, ohne dass ein Mensch in der Lage wäre, die Grundlagen manuell zu reparieren.
Auch Grafik und Musik stammen aus Algorithmen
Bei dem Spiel wurde aber nicht nur die Technik automatisiert erzeugt, sondern auch die kreativen Inhalte. Laut dem Entwickler sind die visuellen Elemente mithilfe von ChatGPT entstanden. Tatsächlich fehlen aber klassische Charakteranimationen. Stattdessen kommt ein speziell generierter Shader zum Einsatz. Dieser simuliert die Bewegungen simuliert und erzeugt ein leichtes „Wabbeln“.
Die musikalische Untermalung wurde ebenfalls von der KI erstellt. Menschliche Komponisten oder Sounddesigner waren nach den Angaben des Entwicklers nicht beteiligt. Am Ende ist ein Spiel entstanden, das zwar funktional ist, aber ästhetisch stark polarisiert.
Nähe zu „Vampire Survivors“ ist offensichtlich
Spielmechanisch orientiert sich „Codex Mortis“ an bekannten Genrevertretern. Der Spieler steuert eine Figur durch Massen an Gegnern, sammelt im Zuge des Spiels Erfahrungspunkte und kombiniert Fähigkeiten, um stärker zu werden. Zum Kernkozept gehören Magieschulen, Synergien und Kreaturen, die man beschwören kann.
Dabei verspricht der Entwickler nahezu unbegrenzte Kombinationsmöglichkeiten. Dass das Spiel klare Parallelen zu „Vampire Survivors“ aufweist, wird übrigens weder bestritten noch versteckt.
Man kann sagen, dass mit Absicht provoziert wird, denn auch in der Außendarstellung setzt das Projekt auf reine Konfrontation. Der Trailer zeigt etwa eine Szene, in der ein Zauberer einen Dämon vernichtet, der mit der Aufschrift „AI antis“ versehen ist. Eine klare Spitze gegen die Kritiker künstlicher Intelligenz.
Die Community ist nicht begeistert
Die ersten Rückmeldungen fallen ernüchternd aus. Nutzer beschreiben den Grafikstil als unscharf und wenig präzise. Technisch mag das Spiel schon funktionieren, doch ästhetisch bleibt es für viele hinter den Erwartungen zurück. Und während der Entwickler sein Werk als Meilenstein feiert, ist die Steam-Community aber überwiegend ablehnend. In den Diskussionsforen finden sich vorwiegend kritische Kommentare. Man spricht von „Garbage AI slop“ oder warnt vor einer „gefährlichen Entwicklung“.
Viele Spieler sehen in dem Projekt weniger Innovation als vielmehr eine Bedrohung kreativer Berufe. Denn wenn die KI in der Lage ist, komplette Spiele zu erzeugen, so könnten in naher Zukunft viele Designer, Programmierer und Komponisten ihre Existenzgrundlage verlieren.






